05 April 2010

Lob der Lauheit

Ich hatte in meiner Jugend, ungefähr von zehn bis 19, das zweifelhafte Vergnügen, in Kirchengemeinden der Priesterbruderschaft St. Pius X. ein- und auszugehen. Man muß es nicht als allgemein bekannt voraussetzen, daher sei hier kurz erzählt: Die katholische Kirche hatte sich in den 60er Jahren ein wenig der modernen Welt geöffnet ˗ der Gottesdienst war nicht mehr komplett auf Latein, der Priester durfte der Gemeinde das Gesicht zuwenden, es gab sogar eine vorsichtige Änderung der bis dahin rigoros ablehnenden Haltung gegenüber anderen Konfessionen und Religionen. Ein französischer Bischof namens Marcel Lefebvre fand das nicht gut. Er empfand diese Neuerungen als Verrat an einer tausendjährigen Tradition. Gott ändert sich nicht, warum soll also die Kirche sich ändern, dachte Lefebvre, und als er sich innerhalb der Kirche nicht durchsetzen konnte, machte er kurzerhand seinen eigenen Verein auf. Die von ihm gegründete „Priesterbruderschaft St. Pius X“ (abgekürzt FSSPX) macht alles so, wie man es immer gemacht hatte. Sie feiern die Messe in lateinischer Sprache, tragen schwarze Gewänder und glauben an die Hölle, in der alle, die nicht exakt der reinen katholischen Lehre folgen, nach dem Tod für immer landen werden. Das alles ist sehr klar, sehr durchstrukturiert und gut nachvollziehbar. Und einiges spricht dafür, daß Lefebvre mit seiner Behauptung, er selber sei nicht abtrünnig, sondern Rom habe sich vom Kern des katholischen Glaubens entfernt, ganz einfach recht hatte. Die Priesterbruderschaft St. Pius X ist genau das in unverfälschter Reinkultur, was die katholische Kirche schon immer war, wenn sie ganz bei sich und ganz rein war.
Nämlich zum Kotzen.

In den letzten Monaten steht die katholische Kirche in der Kritik wie selten zuvor. Es geht um sexuellen Mißbrauch von Kindern. Über all diesen Skandalen, deren Aufarbeitung sehr zu begrüßen ist, wird oft eins übersehen: Katholizismus, wenn man ihn ernst meint, ist schon ganz von allein Mißbrauch. Vielleicht ist sogar jede Religion, sofern sie in letzter Konsequenz einen Gott oder ein ähnliches Prinzip über den Menschen stellt und somit zum Fanatismus einlädt, Mißbrauch, aber ich will mich hier nur auf dem Gebiet bewegen, das ich kenne, und das ist das katholische.

Die derzeitigen Mißbrauchsskandale sind wie Schlagzeilen in der Bildzeitung – schockierend, sagen aber wenig über den eigentlichen Gegenstand aus. Jedes System, das Erwachsenen Macht über Kinder verleiht, ermöglicht Mißbrauch (deswegen passiert selbiger auch am allermeisten in Familien), und die katholische Priesterschaft als Männerbund mit Sexualitätsverbot muß natürlich Anziehungskraft auf sexuell Abweichende und Zurückgebliebene jeglicher Sorte haben. Man bringe diese zwei Dinge zusammen, und der Rest ergibt sich.

Aber was passiert denn in katholischen Erziehungseinrichtungen, wenn gerade nicht sexuell mißbraucht wird (also meistens)? Vermutlich das, was in jedem Internat der Welt sonst auch so passiert: Schulunterricht, Freizeit, Gruppengefühl, Mobbing, ziemlich viel schwule Initiationserlebnisse, erste Liebe und so weiter, und ansonsten Indoktrination in der jeweiligen Hausideologie. In unserem Fall also: Katholizismus. Aber was genau ist das? Nun denn, sehen wir ihn uns doch einmal etwas genauer an, den Katholizismus.

Es geht los mit der Erbsünde. Adam hat sich gegen Gott aufgelehnt, diese Ursünde hast du geerbt, damit bist du schuldig zur Welt gekommen, und damit bist verdammt, nach dem Tod in die Hölle zu kommen, es sei denn, du läßt dich von Jesus erlösen. Jesus hat sich für deine Sünden unter fürchterlichen Folterqualen ans Kreuz nageln lassen. Jede deiner Sünden ist ein Nagel in seinem Fleisch. Und was fällt alles unter Sünde? Wir sagen es dir. Sünde ist nicht nur Mord und Totschlag und Diebstahl ˗ Sünde ist schon jeder Gedanke ans andere Geschlecht. Sünde ist, wenn du deinem Vater widersprichst. Sünde ist, wenn du einen respektlosen Witz machst. Sünde ist, wenn du in deinem Glauben nachlässig bist und beim Gebet abschweifst. Letzteres ist nur eine läßliche Sünde, für die kommst du eine Weile ins Fegefeuer und dann trotzdem in den Himmel, aber Sex mit einer Person, mit der du nicht verheiratet bist, ist beispielsweise eine Todsünde, durch die du unweigerlich in die Hölle kommst. Obwohl Jesus schon dafür gestorben ist? Ja, denn sein Tod reicht allein nicht aus, du mußt es auch bereuen, und auch das reicht nicht aus, du mußt in einen dunklen Beichtstuhl gehen, in dem ein Priester sitzt, dem mußt du alles sagen, dann sind dir deine zahlreichen Sünden vergeben. Bitte ihn vorsichtshalber auch um Vergebung für alle Sünden, die du vergessen oder nicht erkannt hast, dann kann eigentlich nichts schiefgehen. Hinterher darfst du zur Kommunion, dort wird dir ein Stück Pappe, das Brot sein soll, wie eine Backoblate aussieht und „Hostie“ heißt, auf die Zunge gelegt. Das ist das Fleisch von Jesus Christus. Das echte Fleisch? Jawohl, der Priester verwandelt die Hostie während der Messe in das echte Fleisch von Jesus, das ist ein wirkliches, wahrhaftiges Wunder namens Transsubstantiation, das wir weder sehen noch verstehen können, aber glauben müssen (anders als die armen Protestanten, die haben nur Brot). Dann hast du für etwa eine Viertelstunde den leibhaftigen Gott in deinem Körper. Sei andächtig und bete zu ihm und liebe ihn. Ja, du sollst Gott gefälligst lieben, denn er liebt dich auch.

Das wäre sie, die gute alte katholische Erziehung, in ihren wesentlichen Punkten kurz zusammengefaßt. Soweit ich weiß, hat das zweite vatikanische Konzil, das die Kirche in den 60ern modernisierte, daran im Kern nichts geändert. Wer dran glaubt, wird gerettet, alle anderen kommen nach dem Tod in die Hölle. Und was ist eigentlich vor dem Tod? Nun, nicht so wichtig, die Erde ist ein Jammertal, unser irdisches Dasein ist ohnehin nur eine kurze Leidenszeit, die rasch vergessen sein wird, wenn wir dereinst im Himmel in ewiger Anbetung der göttlichen Herrlichkeit versammelt sein werden.

Das kann man natürlich alles viel netter formulieren. Man kann es in schöne Geschichten verpacken. Man kann die humaneren Anteile in den Vordergrund rücken. Man kann es einem arglosen Kind erzählen, das Kind kann hinterher trotzdem rausgehen und auf der Wiese herumtollen und möglicherweise zu einem glücklichen Menschen heranwachsen. Nur wenn man diesem Kind die katholische Lehre jeden Tag eintrichtert, -bläut, -bimst und -schärft, dann stehen die Chancen gut, daß das Kind als Erwachsener weder besonders ausgeglichen noch besonders glücklich werden wird.

In der Kirchengemeinde der Priesterbruderschaft St. Pius X, in der wir waren, gab es eine Jugendgruppe, die sich jeden Montag abend traf. Jugendgruppe klingt nach Herumhängen auf alten Sofas und Gitarrespielen, das war es aber nicht, es war eher am Tisch sitzen und geistlichen Vorträgen lauschen. Eines Tages erzählte der Pater, der die Gruppe leitete, eine Geschichte, die sich vor einigen Jahrhunderten an der theologischen Fakultät zu Paris zugetragen hatte. Ein hochgeachteter Professor war verstorben, ein weiser, gütiger Mann, eine theologische Leuchte, und alle waren überzeugt, daß er sofort ohne Umwege in den Himmel kommen würde. Sein Leichnam war drei Tage lang aufgebahrt, damit seine Fans von ihm Abschied nehmen konnten. Nun begab es sich, daß am ersten Tag, inmitten der Menge der Gläubigen, der Leichnam sich plötzlich aufrichtete und sprach: „Durch ein göttliches Gericht bin ich gerichtet“. Am zweiten Tag geschah wieder dasselbe: Der Leichnam richtete sich auf und sprach diesen einen Satz. Am dritten Tag aber ging der Satz noch weiter, da lautete er: „Durch ein göttliches Gericht bin ich gerichtet – und verdammt.“
Welch großes Entsetzen erfaßte da die Menschen. Aber es war wohl so, erläuterte uns der Jugendgruppenpater, daß dieser heiligmäßige Mann des Glaubens im Herzen lau gewesen war. Sein Glauben hatte nicht gebrannt wie Feuer, er war eher so halbherzig bei der Sache. Deswegen hatte Gott ihn in die Hölle geschickt. Wir sollten uns hüten vor der Lauheit. Also hüteten wir uns vor der Lauheit und versuchten unserem Glauben fortan noch mehr Feuer zu verleihen.

Heute ist es mir wirklich rätselhaft, wie ein denkender Mensch sich freiwillig so einem perversen Gedankengebäude unterwerfen kann. Die ganze Ideologie der katholischen Kirche ist, wenn man die nette Folklore wegnimmt, durchtränkt von einer abstoßenden Lebensfeindlichkeit und Todesverehrung. Daß sie sexualfeindlich, frauenfeindlich und reaktionär ist, wurde oft genug gesagt, aber was sie im Kern so abstoßend macht, ist ihre abgrundtiefe Negativität. Der Mensch ist schlecht. Die Welt sowieso. Wir alle sind hauptberuflich Sünder. Wir sündigen mit jedem Schritt. Wir müssen uns ständig an die Brust klopfen und „mea maxima culpa“ rufen. Alles Gute, das wir tun können, dient nie seinem eigenen Zweck, sondern nur der Gnädigstimmung eines entfernten Gottes. Gott guckt immer zu und bewertet jeden Schritt wie eine Art kosmischer Schiedsrichter. Selbst die Liebe, ein wunderbares Geschenk jenseits aller Begründung und Willensanstrengung, wird einem Gebot unterworfen: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das sind drei unmögliche Forderungen ˗ die erste total abstrakt, die zweite eine ständige Überforderung, die dritte im Ansatz falsch, denn ich selbst liebe mich nicht, dazu gehören immer noch zwei.

Die vier Evangelien enthalten die interessante Geschichte eines Predigers, der seiner Zeit weit voraus war und den Entwurf einer radikalen Ethik in die Welt gesetzt hat, da findet sich einiges Interessantes, aber was die Kirche daraus gemacht hat, ist so abartig, daß man eigentlich kein Wort mehr darüber verlieren muß. Zumal schon viele und klügere Leute als ich sehr viele kluge Worte darüber verloren haben. Sollte man also mit fliegenden Fahnen zum Gegner überlaufen, Atheist werden und die Kirche bekämpfen?

Da, wo sie offenkundige Scheiße baut: Na klar.
Sexueller Mißbrauch ist so ein Fall. Aber auch katholische Erziehung. Zurück zu meiner These von vorhin: Ein bißchen Religionsunterricht macht nix, aber unverdünnter Katholizismus, im Übermaß und in Internatsdosen verabreicht, vergewaltigt die Seele eines Kindes, führt zu Schuldkomplexen, Verklemmung, Unfreiheit und Unglück. Wenn das kein Mißbrauch ist, dann weiß ich auch nicht. Rottet sie aus, die katholische Erziehung, und die Menschheit wird ein Stück glücklicher.

Ansonsten: Nein.
Und zwar aus drei Gründen.
Zum ersten finde ich jede Art von Radikalität falsch (zumindest im Leben, in der Kunst ist das anders). Der Extremismus, das schattenfreie Schwarz-Weiß-Denken, die Haarspalterei ˗ genau das sind doch die Methoden der Bösen. Das ist es, was die Kirche dauernd tut.
Zum zweiten finde ich Atheismus auch zu kurz gedacht. Der Gläubige sagt: Gott existiert. Der Atheist widerspricht: Gott existiert nicht. Es ist ein Streit um Kaisers Bart, mischt sich der Agnostiker ein, wir können es nämlich nicht wissen. Meine Lieblingsposition ist aber die des sogenannten Ignostikers, der sagt nämlich: Hört doch mal auf, endlich von Gott zu reden. Was soll das überhaupt sein, Gott? Spielt er irgendeine Rolle? Haben wir hier nicht ein paar handfestere Probleme? Gott ist für mein Leben ungefähr so bedeutsam wie das fliegende Spaghettimonster. Das ist eine Position, die mir sehr gut gefällt.
Und drittens leben wir in einer Kultur, die vom Christentum geprägt wurde. Kunst und Musik und überhaupt alles. Dauernd gucken uns irgendwelche Heiligen an, wird uns die Passionsgeschichte erzählt, fliegen irgendwo Engel durchs Bild. Viel zu viel Aufwand, hier als verbissener Atheist herumzulaufen und immer alles doof zu finden.

Lassen wir doch lieber den lieben Gott einen guten Mann sein und werden so lau wie nur möglich. Ich finde, unsere Gesellschaft macht das schon ganz richtig. Die Kirche beklagt zwar immer, daß die Leute nur an Weihnachten und zum Heiraten kommen, aber genau das ist doch das Tolle. Wir haben eine menschenverachtende Weltreligion so weit entschärft, daß sie niemanden mehr auf den Scheiterhaufen werfen kann, daß sie uns überhaupt nix mehr tun kann, daß sie uns aus der Hand frißt und wir ab und zu mal vorbeikommen und Hallo sagen können. Dabei haben wir sie nicht getötet, nur gezähmt. Das ist großartig. Das sollten wir feiern. Vielleicht könnte man ja sogar Missionare der Lauheit in andere Länder entsenden und dort den Menschen vorleben, daß größtmögliche Lauheit fürs Diesseits der bessere Weg ist. Oder vielleicht wäre das auch wieder kolonialistische Arroganz, und die Entwicklungsländer brauchen unsere Hilfe gar nicht, um lau zu werden. Wer weiß.

Wendet da irgendjemand ein, Christentum sei aber ethisch notwendig, der Leitfaden der Zehn Gebote, die Bergpredigt, etcetera, und ohne all das werde die Welt ein Schlachtfeld und der Mensch zum Vieh?

Och, Leute. Es geht doch in anderen Teilen der Welt nicht immer nur drunter und drüber. Es gibt eine Ethik ohne Gott. Es ist sogar die bessere. Das Gute steckt im Menschen drin, das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Wir kriegen das schon hin. Entspannt mal für einen Moment eure Sorgenfalten. Andererseits ist die Welt eh schon ein Schlachtfeld und der Mensch oft genug ein Vieh, da ändert die Kirche auch nichts dran. Wenn ich mich denn entscheiden müßte zwischen den bleischweren Kernaussagen „Der Mensch ist gut“ und „Der Mensch ist schlecht“, dann würde ich trotz allem sagen: Der Mensch ist gar nicht mal so schlecht.

Und nur wer ihm weismachen will, er wäre schlecht, der ist selber schlecht, denn von solchen Angstmachereien wird der Mensch tatsächlich schlecht, und das ist schlecht.

Frohe Ostern.

UPDATE:
In den Kommentaren tauchen anonyme fromme Sprüche auf. Wer seinen Namen nicht verrät, den lösche ich. Amen.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…
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Michael K. hat gesagt…

Hallo d-trick, bin nicht ganz einverstanden. Die Gründe wären dann hier nachzulesen: http://taumel.blogspot.com/2010/04/gluckliche-katholiken-gesichtet_6268.html

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Lore Brüggemann hat gesagt…

Ich bin erst jetzt auf Dein Lob der Lauheit gestoßen: das befindet sich genau zwischen Tilmann Mosers "Gottesvergiftung" und Martin Mosebachs Verteidigung des vorkonziliaren Katholizismus ("Häresie der Formlosigkeit" und diverse Interviews, das neueste im SZ-Magazin: sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33691/1/1). Mosebachs Standpunkt finde ich intelligent und durchaus nachvollziehbar; mit Sicherheit hat er dabei nicht die sagenhaft dümmlichen Glaubens-Verhunzungen gewisser deutscher Priesterbruderschafts-Patres vor Augen, und ich finde, daß es sich lohnt, Mosebachs Standpunkt gelegentlich nachzulesen.

Convenor hat gesagt…

Es wäre ein großer Güte, wenn Sie einen Link zu unserem blog auf Ihrer Webseite platzieren wäre:

www.catholicheritage.blogspot.com

Verband für das katholische erbe Sankt Conleth

Steven hat gesagt…

Wow, langer und interessanter Text. Vielen Dank.

Valentin hat gesagt…

Ein kleiner, nicht unwesentlicher Punkt am Rande: Atheismus sagt nicht, dass es definitiv keinen Gott gibt. Im Grunde ist es lediglich die Abwesenheit von Theismus, also der Glaube, dass es einen oder mehrere Götter gibt. Die meisten Atheisten sind agnostisch, d.h., wir wissen nicht mit sicherheit, ob es Götter gibt, sehen aber aufgrund der fehlenden Bewise keinen Anlass, dies zu glauben. So ähnlich wie es sich mit Einhörnern verhält.

 
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