23 Januar 2007

Springer-Dutschke-Streetwars

Es ging damit los, daß der Axel-Springer-Verlag sich in bester Patriarchenmanier dachte: Wir wollen uns nicht nur in der Öffentlichkeit breitmachen, sondern auch der Stadt Berlin unserern Stempel aufdrücken. Also wurden die Freunde in der CDU aktiviert, und nach einigem Hin und Her heißt ein Stück der Lindenstraße, die seit 1723 ihren Namen trug, seit 1996 Axel-Springer-Straße. Es ist rein zufällig genau die Straße, an der das Springer-Hochhaus liegt. Ist ja total nachvollziehbar, daß die ihre Adresse nach dem Gründer benennen wollen. Versteht jeder. Daraufhin sagte sich die taz: Was die können, können wir auch. Man veranlaßte mit Hilfe der Freunde bei SPD und PDS die Umbenennung eines Stücks der Kochstraße, die ihren Namen seit 1734 trug, in "Rudi-Dutschke-Straße". An der Kochstraße liegt das Rudi-Dutschke-Haus, in dem die taz beheimatet ist. Klar, auch das ist total normal und verständlich, daß die für ihren Hausheiligen den Berliner Stadtplan umräumen wollen. Schließlich kam dann die CDU an, bekanntlich seit jeher furchtlose Verfechterin der direkten Demokratie, und sammelte Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen die Umbenennung. Wir durften also am Sonntag wählen.
Wie entscheidet man sich? Für Dutschke? Gegen die taz? Für die CDU mit ihrem doof-dreisten Bürgerbegehren? Oder für den ehrwürdigen Herrn Koch aus dem 18. Jahrhundert? Wieso sind die letzteren zwei Alternativen, verdammt nochmal, im Ergebnis identisch? Hätte man nicht gleich über die Springer-Straße mit abstimmen können?

Eine kleine Entscheidungshilfe. Auf der Website der Umbenennungs-Gegner finden sich tolle Satzbauruinen, zum Beispiel:

Die Linken sind solange für Basisdemokratie bis zum den Zeitpunkt wo die Mehrheitsmeinung des Volkes gegen ihre eigenen Interesse steht.

Na dankeschön. Es geht hier irgendwo auch um Sprache, und allein schon deswegen kriegt ihr meine Stimme nicht. Ich war also einer von den 16% der Berechtigten, die zur Abstimmung gingen, und ich war einer der 57%, die für die Dutschke-Straße stimmten. Was sollte man denn auch sonst machen? Keiner der drei oben erwähnten Vorgänge war mir besonders sympathisch, und das hat nichts mit der Verteilung meiner Sympathien auf Springer oder Dutschke zu tun. Aber ja, ich bin den weltweiten 68ern, auf denen heute so gern rumgehackt wird, sehr dankbar, denn erst mit ihnen entstand die liberale Gesellschaft, in der wir so selbstverständlich leben, und trotzdem finde ich das Sandkasten-Hickhack, das hier stattgefunden hat, eher abstoßend als sonstwas. Es zeigt eine völlige Ignoranz gegenüber der gewachsenen Struktur einer Stadt, die eben mehr ist als nur Schauplatz der Ideologiekriege des vergangenen Jahrhunderts. Egal, am Ende zieht doch das Sandkasten-Argument: Die anderen haben angefangen. Haben sie ja tatsächlich. Und es gibt demnächst eine Kreuzung Springer-/Dutschkestraße. Mit Ampel. Immer wenn ich nach Mitte fahre, komme ich dort vorbei. Die Axel-Springer-Straße versackt dann als Sackgasse, man kommt nur mit dem Rad oder zu Fuß weiter.

Angesichts der allgemeinen Berliner Geschichtsvergessenheit, mit der ja auch der halbe Osten plattgemacht wurde, würde ich aber hiermit vorschlagen, daß endlich mal eine Straße nach jenem Mann benannt wird, der die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert wie kein zweiter geprägt hat. Und zwar gemäß seiner Bedeutung gleich eine der größeren. Ich beantrage hiermit die Umbenennung von "Unter den Linden" in "Adolf-Hitler-Allee". Nur als kleine Maßnahme gegen das Vergessen. Und die ansässigen Firmen dürfen sich nur beschweren, wenn sie nachweisen können, daß sie niemals Zwangsarbeiter beschäftigt haben.

Beknackte Idee? Na klar. Aber das stört in Berlin ja meist niemanden.

1 Kommentar:

julianreischl hat gesagt…

Nach dem Tod von Billy Wilder habe ich im Stadtbauamt von München (wo er ja auch Wurzeln hatte, also in München, nicht im Stadtbauamt) schriftlich angeregt, eine Straße nach dem Großmeister zu benennen. Antwort: "Ja, gute Idee, irgendwann mal, wenn wir eine übrig haben..."

 
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