02 Februar 2007

Ganz große Schauspielkunst

Seit gestern läuft im Kino ein Film, zu dessen Beschreibung man offenbar tief in die Phrasenkiste greifen muß. Eine Wucht, verstörend, bringt die Leinwand zum Beben, so schreiben die Kritiker. Es geht um eine junge Mörderin, die zugleich begabte Pianistin ist bzw. umgekehrt, und um ihre vertrocknete alte Klavierlehrerin, die ein Portrait meine Großmutter väterlicherseits selig sein könnte. Die Mörderin, die eigentlich gar keine ist, aber früher mal von ihrem Vater vergewaltigt wurde, läßt den ganze Film über ziemlich ungehemmt die Sau raus, weswegen die Schauspielerin, die sie spielt , als sensationelle Entdeckung gehandelt wird. Zum Beispiel steht in der SZ vom 1.2.07:

Aber wie soll man es sonst nennen, wenn sich eine 25-Jährige mit so viel Wucht und Virtuosität in ihre erste große Rolle stürzt: schreit und schlägt und (ungedoubelt!) gegen eine Fensterscheibe rennt und so dem Schmerz und dem Hass und der hilflosen Gewaltbereitschaft der als Mörderin verurteilten Jenny körperlich Ausdruck verleiht?

Alles klar, Leute: Schreien, schlagen und (ungedoubelt!) gegen Fensterscheiben rennen, das ist der Kern der Kunst. Ich nehme das zur Kenntnis und behaupte hiermit: Das gilt nicht nur für die Schauspielkunst, sondern auch fürs Schreiben.
Im folgenden Absatz werde ich beweisen, wie unglaublich gut ich schreiben kann.

Verfluchte Kacke! Das geht mir dermaßen auf den Sack, dieses verschissene Feuilleton-Gequatsche, denen möchte man ihre eigenen Texte ungespitzt in den Arsch rammen, fuck, fuck! Ich faß es nicht, was diese Vollspasten da den ganzen Tag in ihre verranzten Tastaturen kotzen!

Na, wie war ich? Ungedoubelt habe ich meinen ganzen Schmerz in einer schriftstellerischen Tour de Force zum Ausdruck gebracht, und zwar mit elementarer Wucht, mit verstörender Intensität, mit einer für mein jugendliches Alter beängstigenden Souveränität.

Hannah Herzsprung, die die besagte Rolle spielt, ist übrigens keineswegs schlecht. Das merkt man an den paar Stellen des Films, wo ihre Rolle mal über die fleischgewordene Bildzeitungs-Schlagzeile hinaus geht, den Borderline-krass-wie intensiv-Wahnsinn hinter sich läßt, wo einfach mal Ruhe ist.

Den Film ansonsten fand ich nicht so toll. Eigentlich sogar ziemlichen Quatsch, je mehr man darüber nachdenkt. Aber
Monica Bleibtreu spielt ihre Rolle ziemlich großartig. Insgesamt also doch noch besser als die sinnentleerte Kunstkinolangeweile, die sonst oft aus Deutschland kommt.

Fuck.

1 Kommentar:

bjoern hat gesagt…

Ach verdammt Dietrich nimm mir doch jetzt nicht die Vorfreude die ich seit 4 Wochen auf den Film habe. Ich wollte mir 4 Minuten unbedingt ansehen. Ich habe deine Kritik jetzt aber nur überflogen weil ich mir im Kino meine eigene Meinung bilden möchte.

 
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