20 Juli 2007

Ich erinnere mich

Endlich habe ich mal Vincents Diplomarbeit gelesen. Die handelt von "Montage und Erinnerung". Das klingt akademisch, liest sich aber rasant und interessant. Dabei fiel mir aber ganz nebenbei zum wiederholten Mal auf, daß das Wort "erinnern" offenbar inzwischen nicht mehr nur reflexiv gebraucht wird, sondern als ganz gewöhnliches, transitives Verb.

Also nicht mehr zwangsläufig: Ich erinnere mich an den gestrigen Abend - sondern genausogut: Ich erinnere den gestrigen Abend. Ich kann mich nicht bzw. ich kann nicht erinnern, daß das früher Bestandteil unserer Sprache war. Mir erscheint es falsch, es klingt für mich wie ein Anglizismus, es scheint sich aber allgemein durchgesetzt zu haben.

Der Deutsche, hieß es immer, erinnert sich, das ist reflexiv, er grübelt, er gräbt tief in seinem Innern und er-innert sich an was Inneres, also in ihm drin. Da muß er hingehen, um sich zu erinnern, dann ist er in sich und quasi zweimal vorhanden. Nicht ganz logisch, aber sehr innerlich. Der Engländer hingegen schreitet hellsichtigen Auges in die Welt hinaus, packt die Dinge beim Schopf und kommandiert sie nach Belieben wieder ins Gedächtnis: I remember.

So war das, wenn ich mich richtig erinnere. Jetzt aber wird der Deutsche international, verläßt seine Innerlichkeit und erinnert nicht mehr sich selber an etwas, was ja wie eine sanfte Annäherung klingt - nein, er erinnert etwas. Ich erinnere mich daran, daß ist ja auch eine etwas umständliche Wendung, eine Art grammatikalische Dampfmaschine aus dem 19. Jahrhundert, da ist die neue Variante in der Tat einfacher.

Es kommt aber noch was dazu. Man kann ja nicht nur sich selber erinnern, sondern auch andere. "Remind" sagt der Engländer dazu, wir haben für diese an sich unterschiedlichen Vorgänge nur ein Wort. Du erinnerst mich an Heinz bedeutet, daß du Heinz irgendwie ähnelst - Erinner mich an Heinz aber bedeutet, daß du mich bitte darauf hinweisen sollst, daß ich Heinz nicht vergesse. Ich erinnere dich hat also im neuen Sprachgebrauch zwei mögliche Bedeutungen: Ich habe dich noch im Gedächtnis und ich weise dich auf etwas hin.

Das gab es früher nicht, zumindest kann ich es nicht erinnern. Vielleicht habe ich mich dessen auch nur entäußert. Das ist auch so ein schönes Wort und eine schön umständliche Konstruktion, die ich hiermit gern als Ausdruck für "absichtliches Vergessen" ins Gespräch bringen würde.



1 Kommentar:

Lore Peiffer-Brüggemann hat gesagt…

Gefällt mir, Deine Erinnerungsreflexionen. Kleine Ergänzung: Das Erinnern ist ja gerade in Deutschland seit dem Holocaust etwas sehr Offizielles, Pflichtmäßiges, dem persönlichen Sich-Erinnern Entzogenes; vielleicht auch daher der anglizistische transitive Gebrauch?

 
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