Meine Freundin war als Komparse beim Vietnamkongress in der TU, wo Rudi Dutschke in Gestalt von Sebastian Blomberg eine Rede hielt. In den 60er Jahren, wurde man vorher informiert, gab es noch keine nicht herausnehmbaren Piercings, sondern nur herausnehmbare. Zur Vorbereitung hatten wir uns einen Filmklassiker angesehen, den im Westen keiner kennt, im Osten aber schon: The Strawberry Statement, der auf Deutsch den umwerfenden Titel Blutige Erdbeeren trägt, ein Film über eine Campusrevolte von 1968, gedreht 1969, prämiert 1970 in Cannes. Dieser Film ist meines Erachtens die Mutter aller Musikvideos, er ist verrückt und konfus, am Ende stürmen die Bullen zehn Minuten lang das Gebäude, und zwar mit einer filmischen Fulminanz von Eisensteinschem Format.
Das eigentlich irre daran ist aber die Rezeptionsgeschichte: Im Westen wurde der Film mehr oder weniger vergessen, nicht so in der DDR, es war nämlich einer der wenigen Filme zum Thema, den die SED-Gerontokratie aus irgendwelchen Gründen ins Land ließ, wahrscheinlich, weil es da irgendwie gegen den US-Imperialismus ging. Vor allem geht es im Film aber irgendwie gegen jede Form von Obrigkeit, und das war ja eine Stoßrichtung, die in der DDR so gar nicht ging. Dadurch wurde The Strawberry Statement für viele junge Menschen im Osten, die auch gerne auf die Straße oder sonstwohin gegangen wären, aber keine Lust hatten, für einige Jahrzehnte in Stasieinzelhaft zu verschwinden, die einzige Art und Weise, am Geist der Zeit teilzuhaben. Blutige Erdbeeren wurde so über die Jahre zu einem Teil der DDR-Kultur. Verschlungen sind die Wege des Herrn. Verschlungen sind aber auch die Wege der beiden Herren, die den Film gemacht haben:
Der Drehbuchautor, Israel Horovitz, ist in Amerika ein bekannter Dramatiker, am dauerhaftesten in die Kulturgeschichte eingehen wird er aber vermutlich als autoritäre Witzfigur in einem Lied, das sein Sohn geschrieben hat, wo es nämlich heißt:
You pops caught you smoking and he said, "No way!"
That hypocrite smokes two packs a day.
Der Sohn spielte nämlich in einer Band namens "Beastie Boys". Die älteren unter uns kennen die vielleicht noch. Der Song heißt You gotta fight for your right (to party), und genau das haben die Leute im Drehbuch von Papa Horovitz, 20 Jahre zuvor, eigentlich auch nur getan.
Der Regisseur des Films, Stuart Hagmann, ist hingegen irgendwie verschwunden. Man findet noch ein paar Filme, die er gemacht hat, und dann einfach gar nichts mehr.
Könnte das zusammengenommen ein Bild für den weiteren Lebenslauf der 68er ergeben - entweder verbürgerlicht man sich und verbietet den Kindern das Rauchen, oder man haut einfach ab? Ja, liebe Kinder, wenn ich das wüßte.
29 August 2007
Die Erdbeer-Aussage
23 August 2007
Zum Schießen
ist ein etwas aus der Mode gekommener Ausdruck, der ungefähr das gleiche bedeutet wie "zum Schreien", "zum Lachen", "zum Heulen" oder "zum Brüllen", etwas anders gelagert, aber hier auch anwendbar ist "zum Kotzen", all das geht einem so durch den Kopf, wenn man das da liest, was übrigens via Spreeblick verbreitet wurde.
22 August 2007
Das Spiel ist aus
Seit einigen Tagen las ich vor dem Einschlafen in einem Buch von Jean-Paul Sartre, weniger aus plötzlich erwachtem Existenzialismus-Nachholbedarf, sondern eher, weil es mir in die Hände gefallen war. Gestern aber entdeckte meine Freundin eine Mücke, die in einem Glas mit Apfelsaft saß, und ergriff den nächstliegenden Gegenstand, um das Glas abzudecken und die Mücke dadurch gefangenzunehmen. Dieser Gegenstand war nun aber das besagte Buch, und weil meine Freundin eine starke Abneigung gegen Mücken im Schlafzimmer hat, muß das Buch jetzt da liegenbleiben, bis die Mücke verhungert ist. Wegnehmen ist verboten. Die Mücke muß sich jetzt also ungefähr so vorkommen, als wäre sie nicht nur unter, sondern in einer Erzählung von Jean-Paul Sartre gefangen, und ich lese zwischendurch was anderes.
21 August 2007
So habe ich das noch nie gesehen
Es passiert nicht oft, daß man was völlig neues findet.
Jan und Sebastian vom pirate cinema haben sich so etwas ausgedacht. Es nennt sich "0xdb" und ist eine Filmdatenbank. Man kann die üblichen Filmdetails durchsuchen - Regisseur, Darsteller, Jahr, etc. Man kann außerdem rausfinden, wo der Film im BitTorrent-Netzwerk zu kriegen ist. Man kann sich den ganzen Film als grafische Zusammenfassung in Form einer "Timeline" anzeigen lassen. Das sieht dann ungefähr so aus:
Ein Balken steht für zehn Minuten Film, ein Pixel faßt zusammen, was in einer Filmsekunde auf der Leinwand passiert. Man kann also auf einen Blick sehen, wie schnell der Film geschnitten ist. Das gab es vorher nicht, und jeder der sich mit Filmanalyse beschäftigt, müßte spätestens jetzt vor Begeisterung an der Decke schweben. Es geht aber noch mehr. Man kann nämlich auch den gesamten Text des Films durchsuchen - jawohl, sämtliche Dialoge. Das geht, weil in Tauschbörsen nicht nur Filme verfügbar sind, sondern auch dazugehörige Untertiteldateien. Ich kann also beispielsweise den Film "The Godfather" aufrufen, das Wort "Godfather" eingeben und kriege dann angezeigt, wo und wie oft das im Film gesagt wird, nämlich insgesamt 14mal, davon sechs mal in der ersten halben Stunde und dann erst wieder nach zwei Stunden. Das ist nicht nur eine sensationelle, völlig neue Art der Filmbetrachtung, es wirft nebenbei auch einige Urheberrechtsfragen auf, da es schlagend beweist, daß Filesharing-Netzwerke eben nicht nur zum stumpfen Herunterladen da sind, sondern mit etwas Kreativität auch für ganz andere Sachen genutzt werden können.
Man muß sich, bevor man zugreifen kann, bei der Datenbank registrieren, was aber problemlos möglich sein sollte. Und wer was lustiges sehen will, sollte nach einem Film namens "Winter Landscape with a bird trap" suchen und sich den als Timeline angucken.
17 August 2007
Unsere Daten müßt ihr raten
Der kleine Schäuble, den man da in der oberen rechten Ecke bewundern kann, läuft im Moment auch auf allerhand T-Shirts durch die Gegend, da dann mit der Unterschrift Stasi 2.0.
Es geht um die sogenannte "Vorratsdatenspeicherung", mit der unsere Gesellschaft, also wir, vor Verbrechern und Terroristen geschützt werden sollen. Da sind einige Leute dagegen. Ich auch. In "1984" von George Orwell war die totale Überwachung einer der zentralen Schrecken des Systems - in der anderen großen Anti-Utopie, "Brave New World" von Aldous Huxley, sind die Bürger so gehirngewaschen, daß es gar keine Überwachung mehr braucht. Wenn man sich die Bereitwilligkeit ansieht, mit der viele Menschen ungeniert den größten Blödsinn über sich selber vor einer staunenden Weltöffentlichkeit ins Netz stellen, könnte man auf den Gedanken verfallen, daß "1984" sich mit dem Untergang des Kommunismus erledigt hat und wir uns zügig auf Huxleys Version der Zukunft zubewegen. Da ist es dann fast schon wieder erstaunlich, daß unser Staat momentan eine Infrastruktur in Stellung bringt, mit der man jeden jederzeit überwachen kann. Man muß nicht groß nachzudenken, um zu kapieren, daß das gar nicht so gut ist, und wer es genau wissen will, kann auf den kleinen Schäuble klicken und erfährt dann mehr.
Wenn das Gesetz beschlossen wird, wird es eine Sammelverfassungsklage geben, an der sich jeder beteiligen kann. Da wir noch in einer Demokratie leben, ist öffentlicher Druck durchaus nicht wirkungslos, und da öffentlicher Druck eine Sache ist, bei der jeder mitmachen kann, sollten viele mitmachen.
14 August 2007
08 August 2007
Tom Kruse
Wenn man im Internet zwei oder mehr der Begriffe "Cruise", "Stauffenberg", Scientology" oder "Donnersmarck" sucht, dann tun sich Abgründe auf. Die Menschen in Deutschland fallen übereinander her und metzeln sich gegenseitig verbal nieder, daß kein Auge trocken bleibt.
Was ist los? Der Hollywood-Regisseur Bryan Singer verfilmt die Geschichte des 20. Juli 1944, die Hauptrolle spielt Tom Cruise, der gehört bekanntlich zu einer skurrilen amerikanischen Sekte, deren Name so deppert ist, daß ich keine Lust habe, ihn hier hinzuschreiben, daraufhin wurden Drehgenehmigungen verweigert, nach denen noch gar niemand gefragt hatte, und schließlich schrieb Florian Henckel v. Donnersmarck in der FAZ, Cruise in der Rolle des deutschen Übermenschen Stauffenberg sei ein Glück für unser Land, besser als zehn Fußball-WMs. Und jetzt schlachten sich alle gegenseitig ab, und zwar in einem verbiesterten Tonfall, bei dem man das kalte Grausen kriegen kann.
Mir drängt sich insgesamt der Verdacht auf, daß hier dämliche Leute aus den falschen Gründen einen dämlichen Film verhindern wollen und sich deswegen mit anderen dämlichen Leuten in die Haare kriegen.
Ich würde gern versuchen, die Wogen der Hysterie zu glätten, und mir zunächst mal zehn Fußball-Weltmeisterschaften in diesem unseren Lande bildhaft vorstellen. Am besten alle gleichzeitig. Und wenn man sich das so vorstellt, 10 WMs auf einen Haufen, da ist doch Cruise als Stauffenberg in der Tat die bessere Wahl. Gut fände ich es auch, wenn er die Rolle im Bemühen um totale Authentizität mit ZWEI Augenklappen spielen würde. Wird er wohl aber nicht machen. Und diese Sekte soll ja echt ziemlich doof sein, wie man so hört. Da besteht die ganz reale Gefahr, daß Schulklassen, die gerade die Zeit des Nationalsozialismus durchnehmen, also irgendwo zwischen 7. und 13. Jahrgangsstufe, geschlossen ins Kino und direkt danach zu Scientology gehen. Das wäre ein Verlust für Deutschland. Cruise als Stauffenberg geht also nicht. Andererseits muß es sein, denn er ist ja ein Superstar und besser als zehn Weltmeisterschaften.
Daher hier ein Vorschlag zur Lösung, den ich am Freitag abend mit einem bekannten deutschen Filmregisseur bei einem Bier in lockerer Runde entwickelt habe: Tom Cruise darf weiter mitmachen, wird aber umbesetzt und spielt jetzt Eva Braun. Florian Henckel v. Donnersmarck spielt Hitler oder am besten gleich die gesamte deutsche Regierung. Und Whoopi Goldberg spielt den deutschen Übermenschen Graf Stauffenberg. Das wäre ein Signal in alle möglichen Richtungen.
01 August 2007
Michelangelo und Ingmar
Zwei Meister des Kinos sind verstorben. Respekt, Dank und Anerkennung von den Lebenden für das, was sie dem Kino hinterließen. Eins aber fällt mir auf, wenn ich die gesammelten Nachrufe lese, von links bis rechts, von bürgerlich bis radikal, und das will mit nicht schmecken. Es ist das Weltuntergangs-Geunke. Aus den meisten Nachrufen klingt ein kulturpessimistischer Unterton heraus, als sei früher alles besser gewesen, die Filme noch nicht so doof, die Jugend noch nicht so verdorben, der Kommerz noch nicht so allgegenwärtig, und als wären die goldenen Zeiten sowieso ein für allemal vorbei.
Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Kino war schon immer doof. Kultur generell. Goethes triviale Zeitgenossen haben zehnmal mehr Bücher verkauft als Goethe selber. Nur sind sie zu recht vergessen. Ähnlich ist es mit Antonionis und Bergmans trivialen Zeitgenossen. Die Zeit geht über sie hinweg, sie sortiert die Spreu vom Weizen und läßt hinterher die Dinge so rosig aussehen, wie sie niemals waren.
Daher behaupte ich einfach mal: Genau in dieser Woche wurden zwei Filmemacher von Weltrang GEBOREN, die einfach noch niemand kennt. Wir leben in einer Zeit, die genau wie alle anderen Zeiten eines Tages in nostalgischen Rückblicken auftauchen wird. Wir werden uns eines Tages erinnern und sagen: Ach ja, Anfang des 21. Jahrhunderts, das war noch eine Blütezeit der Kunst und Kultur, da tobte eine wilde Bohème durch Berlin und ließ keinen Stein auf dem anderen, damals entstanden die frühen, großartigen Filme von (hier bitte einen beliebigen Namen dazudenken). Die Meisterwerke liegen noch vor uns, denn was ein Meisterwerk ist, das definiert die Zeit öfter mal neu, und die schreitet voran, die Zeit. Erweisen wir also den verstorbenen Meistern die letzte Ehre, lassen sie dann in Frieden ruhen und zerren nicht noch im Jenseits an ihnen herum, sondern bemühen uns lieber, aus der Gegenwart eine Veranstaltung zu machen, auf die man dann eines Tages wiederum wehmütig zurückschauen kann.
Wir sprechen uns dann in 30 Jahren, wenn die zwei unbekannten Meister, die heute noch als Säuglinge irgendwo herumliegen, ihre ersten Filme gemacht haben.
31 Juli 2007
Namen und Nachrichten
Zwei Links: "Nachrichten in drei Zeilen" - hier gibt es jeden Tag kurzgefaßte Absurditäten aus aller Welt. Meine Lieblingsnachricht war das Paar, das splitternackt und mausetot auf einer Straße in Amerika gefunden wurde, während beider Kleider auf dem Dach des danebenstehenden Hauses lagen.
Was völlig anderes: "Geogen" - da kann man sich anzeigen lassen, wo und wie häufig der eigene oder sonst irgendein Familienname in Deutschland vorkommt. Sehr spaßig ist es auch, herauszufinden, was für seltsame Wörter als Familienname herhalten müssen. In Hessen ist beispielsweise der Name "Schweinebraten" recht verbreitet. Irgendwo in Deutschland scheint es auch einen einsamen Menschen geben, der mit Nachnamen "Hintern" heißt. Aber nur einen einzigen.
30 Juli 2007
Sah ein Knab ein Stöcklein stehen
Jemand hat mir ein Stöckchen zugeworfen.
Wenn man das zum ersten Mal hört, denkt man natürlich:
Sehe ich aus wie ein Hund? Soll ich das jetzt zurückbringen, oder wie?
Aber nein, es ist anscheinend ein Spiel unter Blogschreibern, man beantwortet irgendwelche Fragen und bringt sie dann nicht etwa wie ein Hund schwanzwedelnd zurück, sondern reicht sie dem nächsten weiter. Also, meinetwegen, acht zufällige Tatsachen über mich.
-Als ich ein Kind war, hatten wir einen Hund, der hat auch immer gern Stöckchen apportiert, hat sie dann aber nicht freiwillig hergegeben. Das machen ja die meisten Hunde - sie bringen einem den Ball, rücken ihn dann aber nicht raus. Warum eigentlich? Was denken sie sich dabei?
- Wir hatten damals noch einen zweiten Hund. Das war ein deutscher Schäferhund, den übernahmen wir von einer Familie, die umständehalber nach Singapur gingen und ihn nicht mitnehmen konnten. Die Familie hieß tatsächlich Führer, und weil das ganze in Afrika stattfand, hatten sie dem Hund konsequenterweise den Namen "Rommel" gegeben. Wir hatten also in den 80er Jahren in Johannesburg einen Schäferhund, der auf den Namen "Rommel" hörte oder auch nicht.
-Der eingangs erwähnte Hund war ein Boxer. Da man damals Boxern noch den Schwanz "kupierte", also abschnitt, wedelte er mangels Schwanz immer mit dem ganzen Hinterteil. Außerdem wollte er bzw sie immer den Lichtfleck einer Taschenlampe fangen, was aber nie gelang.
-Wir hatten auch Katzen, die sich mit den Hunden immer ganz gut verstanden. Manchmal haben die Katzen sich fortgepflanzt, aus irgendwelchen Gründen stand der Katzenkorb dann immer bei mir im Zimmer, und so hatte ich dann öfters mal für sechs Wochen das ganz große Unterhaltungsprogramm bei mir.
-Viele Leute mögen entweder Hunde oder Katzen. Die Katzenliebhaber identifizieren sich mit der stolzen, freiheitsliebenden, unabhängigen Katze und verachten den unterwürfig-familienduseligen Hund - dem Hundeliebhaber gilt die Katze als falsch, das ist ihm suspekt, er schätzt seinen treuen Gefährten und seine menschenähnliche Mimik. Ich mag Hunde und Katzen gleichermaßen, ich will im Moment keins von beiden, aber mir sind Leute suspekt, die Hunde oder Katzen mit solchen menschlichen Eigenschaften besetzen und ihnen dann entsprechende Gefühle entgegenbringen. Davon abgesehen hätte ich gern ein Aquarium mit einem kleinen Wal drin (sehr klein, etwa so groß wie mein Zeigefinger).
-Ich hätte auch gern ein Terrarium mit so´ner Stachelechse, der würde ich dann gern eine Modellstadt bauen, damit sie da rumlaufen kann wie Godzilla.
-Da das aber auch vermenschlichend wäre, beschränke ich mich auf das Sammeln von Plastikmonstern. Unten ein Beispiel.
-Dieses Foto stammt übrigens, wie alle Bilder hier, aus einem handelsüblichen Fotohandy, dessen Qualitäten ich bei jeder Gelegenheit lobe und preise. Ähnlich wie bei Hunden und Katzen geht es mir bei neuer Technik - ich finde die beleidigte Totalverweigerung genauso doof wie das hektische hinter-jeder-Neuerung-Herhetzen. Wer sagt: Mein Handy muß telefonieren können und sonst nix, basta, der könnte genausogut sagen: Die wichtigen Nummern hab ich im Kopf, ich brauch keinen Speicher oder Wozu überhaupt Telefon, die wichtigen Gespräche führt man sowieso von Angesicht zu Angesicht oder Was brauch ich ein Auto, ich habe doch eine Kutsche oder so. Mehr hochwertige Handyfotos findet man übrigens hier.
Keine Ahnung, ob das jetzt Tatsachen waren und ob sie zufällig waren. Das Stöckchen geht weiter an Kristin.
23 Juli 2007
Die Stulle nach dem Schiß
Volker Schlöndorff hat öffentlich über teure Großproduktionen geschimpft, die dann auch noch als TV-Mehrteiler auf die interessierte Menschheit losgelassen werden, daraufhin hat die Constantin, also Bernd Eichinger, Schlöndorff von seinem Posten als Regisseur der teuren Großproduktion "Die Päpstin" hinausgeworfen in die Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrschen. Das ist natürlich ziemlich bitter, wenn man einen Film seit Jahren mit großem persönlichen Einsatz vorbereitet. Andererseits beißt man halt nicht in die Hand, die einen füttert, zumal nicht, wenn die Hand an einem Arm hängt, an dessen anderem Ende sich Bernd Eichinger befindet. Das hätte Volker Schlöndorff ahnen können, dennoch empfinde ich im Moment so viel Sympathie für ihn wie schätzungsweise seit der "Blechtrommel" nicht mehr.
Da er es aber hätte ahnen können, hätte er auch gleich noch viel entschlossener reinhauen können. So richtig Respekt hätte ich gehabt, wenn er in der SZ ganz offenherzig verkündet hätte: Ich finde es unerträglich, daß einige Leute hierzulande obszöne Summen von der staatlichen Filmförderung einstreichen und damit restlos beschissene Filme drehen, die nur deswegen ein Millionenpublikum finden, weil die zugrundeliegenden Bücher mal Bestseller waren, und weil das Millionenpublikum leider gar nicht weiß, daß man sogar die gruseligsten Bestseller der letzten 20 Jahre auch anders, also besser, verfilmen könnte, wenn man denn könnte. Mich selber nehme ich da nicht aus, die "Päpstin" ist ein schlimmer Schinken, den ich aber übrigens mit Hilfe von Herrn Eichinger in einen ebensolchen zu verwandeln gedenke.
So was in der Art hätte er sagen können. Das wäre groß gewesen. Da hätte sich der Rauswurf wenigstens gelohnt.
Also, meine Sympathien sind durchaus klar verteilt, aber eigentlich nicht so wirklich vorhanden.
Sollen sie doch ihre Bestseller verfilmen und Mehrteiler draus verwursten, bis es ihnen zu den Ohren herauskommt, ich lerne daraus allenfalls, daß wer sich mit gewissen Firmen einläßt, daran keine Freude haben wird, das hätte man aber auch so schon wissen können, daher freue mich in aller Unschuld auf meinen nächsten Film, der zu einem Budget entstehen wird, das an einem Bernd-Eichinger-Volker-Schlöndorff-Set vermutlich gerade für drei Tage Catering reichen würde, vertreibe mir so lange die Zeit mit pubertären Wortspielen aus Volker-Schlöndorff-Titeln und bitte dafür schon jetzt ausdrücklich um Verzeihung.
20 Juli 2007
Ich erinnere mich
Endlich habe ich mal Vincents Diplomarbeit gelesen. Die handelt von "Montage und Erinnerung". Das klingt akademisch, liest sich aber rasant und interessant. Dabei fiel mir aber ganz nebenbei zum wiederholten Mal auf, daß das Wort "erinnern" offenbar inzwischen nicht mehr nur reflexiv gebraucht wird, sondern als ganz gewöhnliches, transitives Verb.
Also nicht mehr zwangsläufig: Ich erinnere mich an den gestrigen Abend - sondern genausogut: Ich erinnere den gestrigen Abend. Ich kann mich nicht bzw. ich kann nicht erinnern, daß das früher Bestandteil unserer Sprache war. Mir erscheint es falsch, es klingt für mich wie ein Anglizismus, es scheint sich aber allgemein durchgesetzt zu haben.
Der Deutsche, hieß es immer, erinnert sich, das ist reflexiv, er grübelt, er gräbt tief in seinem Innern und er-innert sich an was Inneres, also in ihm drin. Da muß er hingehen, um sich zu erinnern, dann ist er in sich und quasi zweimal vorhanden. Nicht ganz logisch, aber sehr innerlich. Der Engländer hingegen schreitet hellsichtigen Auges in die Welt hinaus, packt die Dinge beim Schopf und kommandiert sie nach Belieben wieder ins Gedächtnis: I remember.
So war das, wenn ich mich richtig erinnere. Jetzt aber wird der Deutsche international, verläßt seine Innerlichkeit und erinnert nicht mehr sich selber an etwas, was ja wie eine sanfte Annäherung klingt - nein, er erinnert etwas. Ich erinnere mich daran, daß ist ja auch eine etwas umständliche Wendung, eine Art grammatikalische Dampfmaschine aus dem 19. Jahrhundert, da ist die neue Variante in der Tat einfacher.
Es kommt aber noch was dazu. Man kann ja nicht nur sich selber erinnern, sondern auch andere. "Remind" sagt der Engländer dazu, wir haben für diese an sich unterschiedlichen Vorgänge nur ein Wort. Du erinnerst mich an Heinz bedeutet, daß du Heinz irgendwie ähnelst - Erinner mich an Heinz aber bedeutet, daß du mich bitte darauf hinweisen sollst, daß ich Heinz nicht vergesse. Ich erinnere dich hat also im neuen Sprachgebrauch zwei mögliche Bedeutungen: Ich habe dich noch im Gedächtnis und ich weise dich auf etwas hin.
Das gab es früher nicht, zumindest kann ich es nicht erinnern. Vielleicht habe ich mich dessen auch nur entäußert. Das ist auch so ein schönes Wort und eine schön umständliche Konstruktion, die ich hiermit gern als Ausdruck für "absichtliches Vergessen" ins Gespräch bringen würde.
09 Juli 2007
Meine Armut kotzt mich an
Der Bundesverband Regie, in dem ich nicht Mitglied bin, schickt mir gelegentlich Mails, in denen bejammert wird, wie wenig man als Filmregisseur in Deutschland verdient, wie miserabel die Arbeitsbedingungen sind und daß alles überhaupt ganz schrecklich ist. Vor ein paar Tagen kam wieder eine, da ging es um den Regisseur Marco Kreuzpaintner, über dessen Werk ich nichts sagen kann, weil ich von ihm nur einen Kurzfilm gesehen habe, über den ich nichts sagen will, der verläßt jedenfalls auch Deutschland und geht nach Los Angeles, weil da die Bezahlung besser ist, und das, sagt der Regieverband, ist schlimm, denn damit verläßt uns mal wieder ein Talent.
Interessanter als all das erscheint mir, was Marco Kreuzpaintner zu Preisverleihungen sagt. Er ist nämlich dagegen, wie man da lesen kann:
«Es ist absurd, dass Filmemacher untereinander im Wettbewerb stehen.» Beim Bernhard-Wicki-Filmpreis, den Kreuzpaintner am Donnerstagabend verliehen bekam, liegt die Sache für ihn etwas anders. Schließlich sei es ein «Friedenspreis», sagte er. Außerdem ist die Auszeichnung mit 10 000 Euro dotiert, und «meine Armut zwingt mich leider, den Preis anzunehmen», gestand Kreuzpaintner.
Und dieser letzte Satz hat mich dann doch ziemlich tief getroffen. Verdammt hartes Los, daß Marco Kreuzpaintner, einer der Besten, die wir haben, daß sogar der vor bitterer Armut gezwungen ist, gegen seinen Willen Preisgelder anzunehmen. Da läuft echt was schief in Deutschland. Mir geht es aber leider ähnlich - auch ich bin so arm, daß ich immer noch Preisgelder annehmen muß, obwohl mir das schrecklich gegen den Strich geht. Aber glücklicherweise sind die Preise, die ich so bekomme, meistens Friedenspreise. Um die steht man ja bekanntlich nicht im Wettbewerb, und verdient habe ich sie als friedlicher Mensch sowieso.
Was mich dann aber doch beschäftigte: Hat Roland Emmerich Marco Kreuzpaintner für die Regiearbeit bei "Trade" nicht anständig bezahlt? Oder hat er das ganze Geld schon für mildtätige Zwecke ausgegeben? Haben Claussen und Wöbke, die man doch als höchst anständige Menschen kennt, Marco Kreuzpaintner für die Regie bei "Krabat" auch nicht anständig bezahlt? Oder hat Kreuzpaintner die kapitalen Drehzeitüberschreitungen, von denen man so erzählt, selber finanziert? Oder hat er am Ende einen stark verschobenen Begriff davon, was Armut ist? Oder wie?
Meine Schwester erzählte kürzlich, ihr sei ein halbwegs bekannter Drehbuchautor begegnet und habe gejammert, wie abgebrannt er sei und wie schlimm es wäre, noch nicht mal mehr Trinkgeld geben zu können. Die schlagfertige Antwort wäre natürlich gewesen: Nein, es ist erst dann schlimm, wenn man kein Trinkgeld mehr bekommt. Aber die schlagfertige Antwort fällt einem ja immer erst hinterher ein, wenn sie nicht mehr schlagfertig ist. Ich frage mich ja sowieso immer, wovon die ganzen Nachwuchsfilmleute und ich selber auch denn eigentlich leben wollen, von ihren Eltern oder wie, letzteres in meinem Fall eher nicht, und bis ich die Antwort gefunden habe, gebe ich nicht mehr Geld aus, als reinkommt, wenn nichts mehr reinkommt, gehe ich arbeiten, und wenn es ganz schlimm kommt, dann muß ich halt widerwillig den einen oder anderen Preis annehmen.


